Pindletrotter - Szene 3+4



Ash hatte gerade seine Hände tief in die Strähnen seines Liebhabers gegraben und erkundete dessen Mund mit seiner Zunge, als die Tür vor seiner Nase lautstark geöffnet wurde und er widerwillig die Augen aufschlug. Der Welpe, den er unter seiner ausgebeulten Lederjacke versteckt hatte, zuckte zusammen, aber Ash drückte das Leder rückversichernd an sein Herz.

»Ah, du bist es«, murmelte Grey leicht genervt. Da er das aber meistens war, machte Ash sich keine größeren Sorgen. Okay, sein Herz raste ein bisschen und ihm war ungewöhnlich warm. Aber sonst?

Er trat in den großen Eingangsbereich des passend benannten Grey Lofts und flüsterte mit einem strahlenden Lächeln.

»Ich glaube, ich habe gefunden, was wir brauchen!«


Grey war schon zu seiner protzigen Stereoanlage marschiert und hatte seine momentane Lieblingsoper leiser gestellt, als er die Schultern zurücknahm und Ash unzufrieden anstarrte. »Ist es grau?«, fragte er.

»Oh ja«, hauchte Ash.

»Hat es vier Beine?«

»Ja.«

»Und Flügel?!«

Langsam schien Grey tatsächlich zu glauben, dass Ash den Auftrag erfolgreich erledigt hatte, und er fühlte sich drei Meter groß. Er machte eine Show daraus, den Reißverschluss seiner Jacke nach unten zu ziehen und das kleine Tier hervorzuzaubern. Doch je länger er das warme graue Bündel vor der Nase seines Freundes hin und her bewegte und je mehr er grinste, desto geschockter sah Grey zwischen den braunen Hundeaugen zu seinen.

»Hast du den Verstand verloren?«, flüsterte er entsetzt. »Wir bringen es niemals übers Herz, dem kleinen Ding da einen Knüppel über den Schädel zu ziehen und ihn zu häuten.«

Ash ging in die Knie, ließ den Welpen seine ersten tapsigen Schritte über das Parkett machen und zog seinen Liebsten am Hosenbund zu sich.

»Ich habe einen Plan«, grinste er.


Er zog mit seinen Zähnen das blütenweiße BOSS-Hemd aus Greys Jeans und atmete die Mischung aus seinem moschuslastigen Parfum und Mooreiche ein, die ihn vom ersten Moment gefangen genommen hatte. Warum dieser Mann nach seinem Lieblingsbaum roch und ihn damit an sein Heimatdorf in den schottischen Highlands erinnerte war ihm ein Rätsel, aber er liebte jeden Moment, den er in diesem Duft baden durfte. Byron Christian Harold Greys Blick entspannte sich zum ersten Mal seit Tagen sichtlich. Er strich mit dem Daumen über Ashs Unterlippe, zog ihn dann zu sich auf Augenhöhe und drückte ihm einen schnellen Kuss auf.

»Das hast du doch immer«, grinste er sarkastisch. Dann schälte er Ash in schwindelerregender Geschwindigkeit aus seiner Jacke und seinen Klamotten und gab seine Lippen nur noch frei, wenn sie Beide zwischendurch zu wenig Luft bekamen. Denn eines konnte Grey wie kein Anderer: Dich belohnen, wenn du endlich einmal dein Versprechen gehalten hattest.


Emmi


Die Sonne sank schon mit ihrem spätherbstlichen Affenzahn dem Horizont entgegen als Ash die Augen aufschlug. Es hatte Wochen gedauert, bis er bei dem Anblick der verfluchten Sonnenscheibe keinen Herzinfarkt mehr bekommen hatte. Zwar war er – soweit er das beurteilen konnte – ein Mensch, aber da er die letzten 100 Jahre lieber mit Vampiren abgehangen hatte, hatte die ständige Angst vor dem kleinsten Sonnenstrahl auf ihn abgefärbt. Grey jedoch hatte ihn, cool und beherrscht wie immer, zur Seite genommen und ihm den kleinen Trick erklärt, der das Grey Loft zu so etwas besonderem machte: Alle Fenster der gesamten Wohnung waren innen nämlich mit einer UV-Blocker-Folie ausgekleidet. Diese ließ keinerlei Licht, also gefährliche Strahlung hindurch. Lediglich die Sonnenscheibe selbst konnte man in ihrer täglichen Wanderung beobachten, beinahe wie ein bewegliches Wand-Tattoo. Die ersten Tage hatte Ash sich daher permanent an eine Sonnenfinsternis erinnert gefühlt, die die Menschen heute so gerne mit billigen Brillen aus genau dieser Folie betrachteten.


Ein Rascheln ließ Ash aus seinen Gedanken kommen. Direkt neben ihm erwartete ihn, wie so oft am Abend, sein Lieblingsbild. Grey saß mit einem coffee-to-go-Becher in der Hand im Schneidersitz auf seiner Bettseite, ließ seine Zungenspitze gedankenverloren um die Spitze eines weißen Strohhalms kreisen und blätterte in seinem Almanach. In regelmäßigen Abständen färbte sich der Strohhalm rot, wenn Greys dickflüsses Hauptnahrungsmittel den Weg zu seinen Lippen antrat.

»Verdammt«, dachte Ash, »das ist einfach zu sexy!«

Er drehte sich auf die Seite, damit aus der Decke über seiner Hüfte kein Zelt wurde und grinste schläfrig.

»Hey.«


Grey blickte auf und klappte sein Buch zu.

»Hey, Schnarchnase«, neckte er. »Bist du bereit, unser neues Asset auszuprobieren?«

»Unser was?«

Grey pfiff durch seine makellose Zahnreihe und sofort begann ein Poltern, Japsen und Trippeln im Nebenzimmer. Der Welpe kam herangeschossen, sprang trotz seiner Stummelbeinchen erstaunlich graziös aufs Bett und begann, Ash mit schlabbrigen Küsschen zu bedecken. Die winzigen ledrigen Flügen auf seinem Rücken wippten im Takt der Aufregung dazu.

»Er hört auf dich?!«, lachte Ash. »Kleiner Verräter!«

»Verräterin wohl eher«, grinste Grey. Er stellte seinen mittlerweile leeren Becher ab und holte das schlabbernde bisschen Hund auf seinen Schoß. Jetzt, so beschloss Ash, war der Anblick seines Liebsten endgültig zu schön für diese Welt.

»Im Ernst?«, fragte er. »Ein Mädchen? Woher weißt du denn das?«

Grey hob strafend die Augenbrauen.

»Meine Eltern hatten ein großes Gut und besaßen alles, was 1835 dazugehörte. Beagel, Windhunde, Bluthunde, bei uns rannte alles rum.«

Grey hielt den kleinen Hundekopf mit beiden Händen und legte seine Stirn an den grauen Schädel.

»Wow, ein Mädchen«, stutzte Ash. »Das vermasselt mir zwar all die coolen Namen, die ich ihm... IHR geben wollte, aber hey!«

»Uns wird unterwegs schon was einfallen«, hauchte Grey ungewöhnlich geduldig. »Ich nehme an, du willst weder Duschen noch Frühstücken?«, lächelte er dunkel.

Ash trat die Decke zur Seite und bedachte seinen Lover mit einem bösen Blick.

»Hey, ich habe mir das hier-«

Er zeigte an seinem nackten Körper hinab.

»-nicht ausgesucht, okay? Ich finde es auch nicht gerade lustig, nicht essen und schwitzen zu können!«


Grey ließ seinen Blick wieder zu dem Welpen hinunter sinken und kaute auf seiner Unterlippe.

»Ich auch nicht«, murmelte er. Bevor Ash etwas erwidern konnte, war Grey mit seinem Becher zur schneeweißen Küchenzeile hinüber geeilt und recycelte ihn gewissenhaft.

»Ach Mann!«, dachte Ash frustriert. »Warum sage ich immer so einen Müll, wenn Grey endlich mal entspannt ist?!«

»A propos Essen?«, fragte er schnell. »Die kleine Dame hier wird defintiv etwas zu futtern brauchen.«

Grey stoppte seine geübten Bewegungen kurz, als hätte er daran tatsächlich noch keinen Gedanken verschwendet.

»Auf dem Weg ins Zauberer-Viertel ist ein Cats & Dogs, da können wir glaube ich noch bis Acht Uhr die Grundausstattung besorgen«, murmelte er.

Ash seufzte erleichtert. Dass der kleine Flughund so schnell den Sprung von der Zutat zum Familienmitglied geschafft hatte, wärmte sein nicht-funktionsfähiges Herz. Und wer konnte schon wissen, ob sich das kleine hechelnde Bündel nicht noch als sehr wertvoll erweisen würde? Ganz ohne ihr das Fell über die Ohren ziehen zu müssen?


Etwa eine Stunde später gingen Grey, Ash und Emmi über die unsichtbare Grenze zum Zauberer-Viertel.

»Ich kann nicht fassen, dass du die Kassiererin unseren Hund hast benennen lassen!«, maulte Grey theatralisch. »Einen so besonderen Hund wie unsren kann man doch nicht einfach Emmi nennen!«

»Wieso? Sie kann die Flügelchen ja nicht sehen!«, vertreidigte sich Ash. »Und sie hat gesagt, unsere süße graue Maus sieht aus wie eine Emmi. Ich fand, das war ein Wink des Schicksals.«

»Du und dein Schicksal«, spottete Grey.

»Hey, ich hab ihr immerhin kein Halsband mit Svarovski-Steinchen gekauft«, grinste Ash.

»Es war grau«, entgegnete sein Lover nur knapp.


Emmi ging schnüffelnd und schwanzwedelnd die die Gasse, als hätte sie nie ein Leben ohne Halsband und Leine gekannt. Sie beäugte den Damf, der aus den zahllosen schmalen Schornsteigen drang, schnappte nach Messenger-Ratten und schnüffelte an jedem zweiten Kessel, der zum Abkühlen vor die Türe gestellt worden war. Die Reste in einigen rochen relativ gut, andere ließen einen fast würgen. Da passte es Ash ganz gut in den Kram, dass er weder aß noch trank. Manchmal war verflucht sein eben doch nicht so übel, im wahrsten Sinne des Wortes!

Einige Meter vor ihnen öffnete sich eine Tür und eine gebeugte, alte Frau trat in die Gasse hinaus. Sie würdigte das seltsame Gespann aber keines Blickes, bis Emmi direkt in ihr Blickfeld tappste. Als sie verarbeitete hatte, was da vor ihren Holzclogs stand, riss sie den verwunderten Blick nach oben.

»Guten Abend«, sagte Grey gewohnt höflich. Er hatte Ashs Hand in seine Armbeuge gelegt, als wären sie ein ganz normales Biedermeier-Pärchen auf Sonntagsausflug und das an der funkelnden Leine ein stinknormaler Jagdhund.

»Wo haben Sie das denn her?«, zischte sie ungläubig.

»Ich habe Mittel und Wege«, lächelte Grey und entblößte seine strahlend weißen Fangzähne. Die Alte wich ein Stück im Türrahmen zurück. Ihr Gehirn schien jetzt auf Hochtouren zu laufen.

»Verkauft ihr das kleine Biest?«, fragte sie dann so beiläufig wie möglich.

»Nein, Madame«, knurrte Grey. Es war nicht schwer zu erkennen, dass sie ihre Wortwahl plötzlich bereute.

»Hättet ihr jedoch gehört, wo ich einen Spielgefährten für meinen kleinen Augapfel erwerben kann, so wäre ich Euch sehr verbunden«, ergänzte er jetzt. »Geld spielt keine Rolle.«

In den Augen der Alten Hexe blitzte etwas auf.

»Mein Gott«, dachte Ash. »Sehe ich auch so aus, wenn ich mal wieder einen meiner Geldgräber-Pläne habe?«

»Geht zwei Straßen weiter und dann links«, sagte sie schnell. »Hinter der Tür mit dem goldenen Gargoyle-Kopf wohnt der fette Bill. Der ist zwar schmierig und teuer, aber man sagt, er könne beinahe jeden Wunsch Wirklichkeit werden lassen. Besonders jetzt zum Jahreswechsel. Das nötige Kleingeld natürlich vorausgesetzt.«

Sie rieb Daumen und Zeigefinger aneinander für das international anerkannte Zeichen für Geld, und Grey schien nur darauf gewartet zu haben.

»Werten Dank, Madame«, nickte er und schnippte der Alten eine einzelne, goldene Münze zu. Die Tür der Hexe war kaum ins Schloss gefallen, da setzte er sich mit Emmi an der einen und Ash an der anderen Hand in Bewegung.

»Wenn wir einen ausgewachsenen Flughund kaufen, können wir uns die Mühe, Boroi zu brauen, fast sparen«, zischte er. »Unser Gewinn wird zusammenschrumpfen wie ein Kopf auf dem Tisch eines Voodoo-Priesters.«

»Gemach, mein Freund«, entgegnete Grey lächelnd. »Wer hat gesagt, dass ich den guten Mann tatsächlich bezahlen werde?«

Grey zog Ash am Ellenbogen zu sich und küsste ihn leidenschaftlich. Der metallische Nachgeschmack des Blutes aus dem Coffee-to-go-Becher war noch präsenter als sonst.

»Stimmt«, murmelte Ash beinahe zu sich selbst. »Du hast so deine Mittel und Wege, für nichts bezahlen zu müssen.«


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