Pindletrotter - Finale



Der fette Bill und seine Tochter


Kaum hatte Grey geklopft, da schwang der goldene Gargoyle-Kopf zurück und gab den Blick frei auf das wirklich schauderhafte Monster aus Fleisch und Blut dahinter.

»Ja?«, krächzte der Giftzwerg. Seine wenigen Haare waren ebenso dunkel und fettig wie sein zu enges T-Shirt.

Ash zog die Nase kraus und wünschte sich, dass auch das Atmen bei ihm freiwillig wäre. Nun, sein Körper bestand leider auf den Sauerstoff, und so blieb ihm nichts anderes üblich, als die Mischung aus Alkohol, billigem Rasierwasser und Moder einzuatmen, die ihm aus dem Zuhause dieses Gangsters entgegenschlug. Gott sei Dank kam Grey gleich zur Sache. Die Illusion vom Sonntagsspatziergang zweier Dandys hatte er wohlweißlich fallen lassen.

»Sie sind uns empfohlen worden«, begann er knapp. »Man sagt, sie handeln mit diesen kleinen Schätzchen hier?« Er zeigte an Emmis grauer Leine hinab. Der Blick des fetten Bill landete auf dem Welpen und er verzog gelangweilt das Gesicht.

»Ich habe genug von den Viechern, ich kaufe nicht«, grollte er. Er wollte die Türe gerade wieder vor den Nasen der beiden Männer zuschlagen, als Grey augenrollend eine dicke Geldrolle unter seinem Mantel hervorholte.

»Wir hingegen sind genau deshalb hier«, erklärte er mit Nachdruck.


»Kommt rein«, nuschelte Bill kaum hörbar und schlurfte weiter in den Raum hinein. Ash kam gar nicht wirklich dazu, sich zu wundern, dass ein Mann wie dieser einem Vampir und einem verfluchten Taugenichts den Rücken zudrehte, denn ein dürres Mädchen mit Militär-Haarschnitt erwartete sie, eine Schrotflinte im Anschlag.

»Meine liebe, das wird nicht nötig sein«, lächelte Grey so höflich wie möglich. Nur Ash neben ihm konnte spüren, dass er in Wirklichkeit überaus verärgert war.«Wir sind Gentlemen und einzig und allein des Geschäfts wegen hier.«

»Wie viele sollen es denn sein? 2.000 bekomme ich für jedes der Scheißviecher«, sagte der fette Gangster jetzt grinsend. Er sah Emmi an, als wolle er sie fürs Abendessen in die Pfanne hauen und das Hundemädchen sprang ängstlich wimmernd in Ashs Arme.

»Ich glaube, wir gehen«, murmelte Ash und drehte sich zur Türe. Er wollte nur noch raus. Nicht wegen dem schmierigen Haus. Nicht wegen der Waffe, die sich ihm und Grey gegenüber als völlig nutzlos erweisen würde. Sondern weil seine sensiblen Sinne die Hauptquelle des erbärmlichen Gestanks ausgemacht hatte.

Als könne der Hundehändler Gedanken lesen schlenderte er vergnügt zur nächsten Zimmertüre und stieß sie auf. Ash schloss für eine Sekunde die Augen, er hatte es ja schon alles gehört. Und auch Grey hatte wohl jetzt langsam genug, schien sich aber einfach besser unter Kontrolle zu haben.


In dem ehemaligen Kinderzimmer tummelten sich auf dem ausgebleichten blauen Teppich etwa zwei Dutzend magere, geflügelte Hunde. Sie lagen, saßen und spielten in ihrem eigenen Dreck und einigen völlig zerschlissenen Kindermatratzen. Der beißende Gestank trieb den Beiden Tränen in die Augen, was Ash bei sich selbst tatsächlich nicht für möglich gehalten hatte. Er wandte sich hustend ab, genau wie das etwa 17-jährige Mädchen, das die Schrotflinte hatte sinken lassen.

»Also?«, kicherte der fette Bill. Er schien keinerlei Probleme mit seiner kleinen Zucht feststellen zu können. »Wie viele dürfen es denn sein?«

»Dad«, krächzte das Mädel anklagend. »Lass mich da endlich sauber machen. Ist ja schrecklich.«

Bill überwand die wenigen Meter zu seiner Tochter unerwartet leichtfüßig und schlug ihr mit der Faust ins Gesicht.

»Ist dir mein Haus nicht mehr gut genug? Die Gosse beginnt direkt da draußen, Sio!«, schrie er. Während er sich wieder Grey zuwandte um endlich seinen Deal zu besiegeln beobachtete Ash sehr genau, wie die Tochter sich verhielt. Sie hatte sich beinahe sofort wieder aufgerichtet, kein Wort gesagt, nicht einmal das Blut von ihrer aufgesprungenen Lippe geleckt.


Ash sah zu seinem Liebsten hinüber und blickte ihn still an. Er wollte Emmi an sich drücken, aus diesem stinkenden Haus verschwinden und die Probleme dieser Menschen aus seinem Kopf verbannen. Dies war exakt der Grund, warum er sich nicht in die Angelegenheiten anderer Wesen einmischte – egal ob Vampir, Zauberer oder Normalmensch. Aber er wusste auch: ein kleiner Teil von ihm würde ihm für immer in den Hintern treten, die etwa 50.000 Pfund teuren Hundchen im Nebenraum nicht zu Geld gemacht zu haben. Und ein wesentlich größerer Teil würde ihn dafür hassen, wie ein Feigling davongelaufen zu sein und gar nichts getan zu haben.

Grey lächelte sanft, wandte sich dann zu dem professionellen Hundequäler um und sagte eiskalt: »Es würde sich für Sie auszuzahlen, das nicht mehr zu tun, mein Freund.«

»Die Kleine hat euch nicht zu interessieren«, grollte Bill. Dann leuchtete eine Idee in seinen Augen auf, und Ash hatte auf die harte Tour gelernt, dass man diesen Moment bei Verbrechern fürchten musste.

»Es sei denn natürlich, ihr findet nicht nur Gefallen an schönen Hunden. Siobhan hat unter dem ganzen Dreck eine recht reine Haut und eine geschickte Zunge, das kann ich Ihnen aus Erfahrung versichern, meine Herr-«

Man konnte mit menschlichen Augen nicht verfolgen, wie schnell Grey den fetten Bill an der Gurgel packte und knurrend seine Fangzähne entblößte. Er sprach sehr laut, langsam und deutlich über das Gurgeln und Krächzen des Verbrechers hinweg.

»Ich bin ein sehr gelduldiger Mann und habe eine gute Kinderstube genossen«, grollte er. »Aber ihr habt soeben euren letzten Fehler gemacht. Als Vater, als Geschäftsmann... und als lebendes Wesen.«


Er wandte sich zu Siobhan um, die schon lange die Flinte hatte sinken lassen und mit weit aufgerissenen Augen vorfolgte, was direkt vor ihr geschah.

»Siobhan«, sagte er ruhig, »halt mich auf, wenn du möchtest.«

Sie sah Grey eine Weile an, dann schweifte ihr Blick in das entsetzte, hochrote Gesicht ihres Vaters, dessen Füße mittlerweile mehrere Zentimeter über dem Boden schwebten und zuckten. Ash bedauerte es fast, dass der Widerling nicht einmal um sein Leben flehte. Allerdings hätte das der Tochter wohl nur mehr Schwierigkeiten gemacht, das geschehen zu lassen, was geschehen würde.

Wortlos legte sie den kleinen Sicherungshebel der Schrotflinte um und machte sie damit ungefährlich. Dann streckte sie den Arm mit der Waffe zur Seite aus, sodass der Lauf zur Wand zeigte und ließ sie auf den klebrigen Teppich fallen. Während all dieser klugen Handgriffe nahm sie ihre Augen nicht von dem Mann, der sie so viele Jahre gequält hatte. Sie schloss die Augen, nickte einmal überdeutlich und stapfte in das Hundezimmer. Die Tür fiel sachte ins Schloss und Grey musste lächeln. Sie hatte gerade ruhig und konzentriert das Todesurteil über ihren eigenen Vater ausgesprochen und fühlte sich mit Sicherheit doch so schrecklich wie selten in ihrem jungen Leben. Sie schrie nicht, sie weinte nicht, aber sie feuerte ihn auch nicht an oder suchte Genugtuung, indem sie ihn ohrfeigte oder anspuckte. Sie ließ einfach geschehen, was geschehen musste und nahm das Geschenk an, das Grey und Ash ihr in diesem Moment boten – Freiheit. Grey sinnierte noch milde lächelnd vor sich hin, als Bill anfing stärker zu zucken.


»Lasst mich los, ihr habt euren Spaß gehabt«, krächzte er.

Offensichtlich hatte er absolut nicht verstanden, welches Signal seine Tochter gerade ausgesandt hatte.

»Oh, aber natürlich«, lächelte Grey süßlich und setzte den fetten Bill wieder auf dem Boden ab. Er zupfte einige Falten aus dem versifften T-Shirt seines Gegenübers, wandte sich zu einem völlig schockierten Ash um und zwinkerte ihm zu. Dann verwendete er einmal mehr seine übermenschliche Schnelligkeit und ein ohrenbetäubend lautes Knacken wurde hörbar. Der fette Bastard vor ihm sackte zur Seite wie ein übergroßer Sack Mehl.

Grey drückte den Rücken durch, streckte sich genüsslich und sagte:

»Ich hatte vergessen, wie brechende Nackenwirbel klingen. Faszinierend!«

Ash kam mit Emmi im Arm näher und kraulte sie abwesend hinter den Ohren.

»Erinner mich dran, dich nie wieder sauer zu machen«, murmelte er trocken.

»Nun, man muss schon einiges tun, um mich zu provozieren.«

»Jup.«

Es entstand eine kleine Pause, dann sprach Ash weiter.

»Warum hast du ihn nicht einfach gegessen?«

»Uäääh, hast du dir den Typen mal näher angesehen?«, fragte Grey angewidert. Er ging kopfschüttelnd um die Leiche herum, riss einen der speckigen Vorhänge vom Fenster und deckte den Toten ab. Dann schlich er zu dem Raum mit den Hunden und klopfte.


»Kannst du ein paar Sachen packen?«, fragte er durch die Türe. Sie wurde geöffnet und Siobhan starrte zuerst auf den Vorhang und die Umrisse, die er zeichnete. Dann riss die den Blick hoch zu Grey und Ash.

»Wo soll ich hin?«, fragte sie ratlos. »Ich habe nichts.«

»Nunja, Hunde im Wert von 50.000 Pfund würde ich nicht als nichts bezeichnen«, grinste Ash. »Sie gehören jetzt dir, denke ich.«

Sie starrte ihn überrascht an.

»Ihr wollt die Hunde nicht haben?«, stammelte sie. »Ich dachte, ihr wollt so dringend welche. Ich hatte mich quasi schon damit abgefunden, wie unser Deal lautet: Mein Leben und meine Freiheit gegen meine Tiere.«

»Ich nehme kein Almosen von mittellosen jungen Damen«, lächelte Grey.

»Wird der hier« - er zeigte auf den Leichnam - »ein Problem für uns drei werden?«, fragte Grey.

Siobhan schüttelte den Kopf.

»Die Cops wissen genau, was er hier alles versteckt hatte. Also wird es sie genau so wenig interessieren, dass jemand die Hunde an sich genommen und ihm den Garaus gemacht hat«, erklärte sie schulterzuckend. Sie holte aus verschiedenen Ecken des Hauses einige Dinge heran, die sie in eine Tasche oder in ihre Jacke stopfte.

»Warum sucht ihr denn eigentlich Flughunde, wo ihr doch schon einen habt?«, fragte sie, als sie die Tasche schulterte und ein riesiges Bündel Hundeleinen sortierte.

»Wir wollten ursprünglich Boroi machen«, erklärte Ash bereitwillig. Er hatte keinen Anlass, Sio eine Antwort zu verwehren oder ihr die Hunde mit Gewalt abzunehmen. Einerseits, weil er wusste, dass Grey ihn aufhalten würde. Andererseits, weil er dieses schlaue Ding wirklich mochte. Er mochte sich zwar am Ende des Tages nicht viel aus ihrem Geschlecht machen, aber deshalb konnte er trotzdem ehrliche Menschen wertschätzen, die ihm nicht auf den Sack gingen.


»Ihr wollt das kleine Ding ernsthaft im Kessel enden lassen?«, fragte sie verwirrt. Ihre Hände begannen, zu zittern. Ganz offensichtlich hatte sie plötzlich Angst um das einzige in ihrem Leben, das ihr etwas bedeutete.

»Keine Angst«, schaltete sich Grey schnell dazwischen. »Unsere Emmi hier hat uns gezeigt, dass unser Plan ziemlich dämlich war.«

»Gut«, sagte Sio vorsichtig. Sie schien nun wirklich aufzutauen. »Im Übrigen sind Flughunde lebendig etwa hundert Mal mehr wert als tot«, murmelte sie.

»Bitte was?«, fragten Grey und Ash gleichzeitig.

»Boroi wird aus dem Blut dieser Tiere gemacht. Hat man also keinen fangen können bis Silvester, kaufen... kauften die meisten hier bei uns. 2.000 Pfund für etwa 3 Liter Blut. Das fertige Boroi bringt einem etwa 2.500 Pfund ein... in einem guten Jahr. Man muss aber die restlichen Zutaten und die Herstellungszeit einrechnen. Es lohnt sich einfach nicht. Es sei denn....«

Sie pausierte und schien zu überlegen, ob sie ihren Satz wirklich vollenden wollte. Dann wirkte sie davon überzeugt, dass sie heute nicht nur ihren Peiniger losgeworden war und ihre Freiheit gewonnen hatte.... sondern dass sie auch den Deal ihres Lebens abschließen konnte.

»Es sei denn, man kennt Rezepte, die nicht auf dem Blut der Tiere basieren, sondern auf anderen Dingen. Nehmt mich und meine Hunde mit und lasst uns ein paar Tage bei euch couchsurfen, bis ich ein Zimmer gefunden habe und etwas Geld zusammenkratzen kann, dann verrate ich es euch. Eure Emmi wird euch reich machen, ganz ohne ihr Leben dafür einbüßen zu müssen.«

Ein breites Lächeln zeigte sich auf Greys Gesicht. Nach einem Moment fing er an, andauernd zu nicken.

»Siobhan, ich glaube wir haben einen Deal!«, verkündete er.


Ende gut, alles gut


Sio stand mit ernster Miene vor dem Sofa und reichte Grey und Ash jeweils ein kleines Glas. Darin befand sich eine Art honiggelber, zähflüssiger Likör. Beide nahmen ihr Getränk entgegen, sahen sie dann aber weiter fragend an.

»Leute, jetzt macht einfach«, drängte sie.

»Was hast du da nochmal rein? Denk dran: Mein Körper steht nicht mehr auf Nährstoffe«, raunte Ash.

»Du hast gesagt, du kannst Rauchen und Alkohol trinken, richtig?«, vergewisserte sie sich. »Dann kannst du auch gefahrlos das hier konsumieren.«

»Und ich?«, fragte Grey.

»Jetzt mach‘ dir mal nicht ins Hemd«, seufzte sie. Sie stakste zum Kühlschrank, holte einen Beutel von Greys Lieblingssorte und einen großen Ring Fleischwurst heraus und kam zurück zum Sofa. Dann drückte sie einen Teil des Inhals in sein Glas, wandte sich um und verteilte große Stückchen Wurst an die hungrige Meute vor dem Kamin.

»So wie ich das beurteilen kann, sollte der Effekt für dich schwächer sein, aber spürbar. Und jetzt trinkt es einfach, ihr werdet schon sehen!«


Ash gab seinem Liebsten ein schnelles Küsschen und stürzte sein Glas in einem Schluck hinunter. Grey, der offensichtlich kein Feigling sein wollte, kippte sein Glas ebenfalls ab.

»Wenn wir in einer Stunde tot sind komme ich als Geist zurück und trete dir in den Hintern, klar Sio?«, kicherte er dunkel.

»Keine Sorge, es dauert keine Stunde«, grinste sie. »Und du wirst mir um den Hals fallen, glaub mir einfach!«

Sie sollte Recht behalten. Etwa 20 Minuten später bemerkte Grey in Ash eine recht seltsame Veränderung. Sein Gefährte, sonst so überaus bedacht auf sein Äußeres und die richtige Selbstdarstellung, lümmelte sich mehr und mehr in die Couch. Er schien zu vergessen, dass Andere im Raum waren. Oder es war ihm endlich einmal egal. Und auch er selbst spürte eine Ruhe in sich aufsteigen. Als hätte jemand seinen Eltern, deren Stimmen ihn seit nunmehr 261 Jahren täglich piesackten, endlich ein Pflaster auf die Schandmäuler geklebt und sie des Hauses verwiesen. Als hätte jemand den Lautstärkeschalter des ganzen abgefuckten Planeten gefunden und endlich, endlich mal leiser gedreht.

»Oh mein Gott«, murmelte er.

Sio lächelte wissend.

»Und das, Jungs, kann man mit ein paar Tropfen Flughund-Urin und ein paar anderen günstigen Zutaten anstellen.«