Ashcroft Pindletrotter und der Stein des Anstoßes



Hunde und andere Zutaten


»Ach verdammter Mist, Alter! Du bist so ein unbrauchbarer Scheiß*beeeeep* du kriegst doch wirklich gar nichts auf die Reihe du Basta*beeep*«

Ash hielt das Handy etwas weiter von seinem Ohr weg, um seinem Lover Gelegenheit zu geben, sich auszukotzen OHNE dass dabei seine hochsensiblen Ohren den Bach runtergingen. Zugegeben, er fragte sich während der andauernden, saftigen Beschimpfungen seines Freundes, warum zum Geier er den Schimpfwortfilter in dem dummen Ding ausgeschaltet hatte. Immerhin war sein Gehirn so freundlich und fügte das ‚beeep‘ an den passenden Stellen für ihn ein.

»Jetzt reg dich doch mal ab, Grey«, murmelte er, als das Smartphone wieder sein Ohr erreicht hatte. »Wir finden einen neuen verdammten Flughund für unser Rezept. Gleich heute Nacht gehe ich wieder auf die Jagd, okay?«

»Ashcroft Hayworth Pindletrotter-«

Gott, wie er es hasste, wenn Grey zur Strafe seinen kompletten Namen benutzte.

»-wenn heute bei Sonnenaufgang kein 1A Flughund auf meinem Tisch landet, kannst du deine verrückten Pläne vergessen, alles klar?«

»Ich liebe dich auch«, murmelte Ash und rieb sich die schmerzenden Schläfen.

Ein verächtliches »Ts-Ach!« kam durch die Leitung, dann ein Klicken und dann verkündete sein Smartphone mit dem vertrauten *bibeldöp*, dass das Gespräch beendet war.


»Na super«, dachte er. Okay, ja, er hatte es verbockt. Seit zwei Wochen hatte er dem hübschesten, talentiertesten und rundherum anbetungswürdigsten Magier in ganz Cardiff einen dieser verflixten geflügelten Straßenköter versprochen, um ihn gemeinsam mit ein paar anderen, gängigeren Zutaten zu Boroi, dem genialsten Zauberer-Viagra aller Zeiten zu verkochen und steinreich zu werden. Aber wie immer in seinem Leben war Ash natürlich nicht der einzige gewesen, der diese glorreiche Idee hatte. So kurz vor Silvester, dem einzigen Tag, an dem die Sterne für die Herstellung bon Boroi richtig standen, war die Jagd auf die wilden Hunde mit Fledermausflügeln am Rücken natürlich in vollem Gange.

Oh Mann, wenn Neujahr kam und ging, ohne dass sie das Zeug hergestellt und zum üblichen Wucherpreis an den Mann gebracht hatten, würde Grey sich bestimmt einen neuen notgeilen Nichtsnutz fürs eigene Bett besorgen! Und dann war er wieder da, wo er die letzten 167 Jahre gewesen war: Am Bodensatz der Zauberer-Gesellschaft in und um England. Er seufzte, stand von der eiskalten Mauer auf, auf der sich jeder normale Mann den Tod in Form einer Blasenentzündung geholt hätte und bog zurück in die gleiche Gasse, aus der er gerade erfolglos gekommen war.

»Oh Angharad«, betete er so laut und verzweifelt wie selten, »Göttin aller Zauberer und Hexen, bitte lass heute Abend so einen verfluchten Hund meinen Weg kreuzen!«


Cardiff bei Nacht


Über den engen Gassen der Altstadt hörte man heute Nacht schon deutlich weniger ledrige Flügel ihre Kreise ziehen als noch im Frühjahr. Trotzdem war die Jagd auch heute Nacht voll im Gange. Ash sah gerade zwei hübschen Mädels etwa 50 Meter die Straße entlang zu, wie sie ein winselndes und jaulendes Etwas in einen Beutel stopften, da fiel ihm etwas ein. Statt sich selber die Arbeit mit diesen Mistviechern zu machen könnte er doch seinen Charme und sein ansprechendes Äußeres einsetzen und sich bei den beiden Junghexen einschleimen, oder? Er wollte ja nicht zu dick auftragen, aber für seine 167 Jahre sah er noch verdammt knackig aus. Ein bisschen James Dean in Lederjacke, ein bisschen Mafia-Aufsteiger mit den zurück gegelten, kinnlangen, rabenschwarzen Haaren und ein ziemlich großer Schuss Jesus... mit anderen Worten: Man konnte bei ihm ebenso gut Rippen zählen wie bei einem verdammten Kruzifix!

»Ladies«, grinste er die beiden kichernden Freundinnen an und stolzierte näher. »Das war phantastisch. Sehr geschickt habt ihr das gemacht! Kann ich euch auf einen Drink einladen? So ein Fang muss doch gefeiert werden. Und wer weiß, wenn wir fertig sind mit Feiern könnten ihr ja noch mit zu mir kommen und zeige euch meinen Zauberstab.«

»Äääääh«, quietschte die dünnere mit den weinroten Haaren. Sie sah ihre wesentlich gewichtigere Freundin mit den fettigen Strähnen fragend an, dann sahen beide zu ihm hinüber.... und bekamen gemeinschaftlich einen Lachkrampf. Ash hatte nicht einmal mehr die Zeit, die beiden für ihre Unverschämtheit zurechtzustutzen, so schnell hatte Miss Weinrot eine Nebelkugel aus der Tasche geholt und mit Schmackes auf den Boden direkt vor ihren Füßen geworfen. So blieb ihm nur, dem aufsteigenden Qualm vorbeiziehen zu lassen und sich zu ärgern.

»Blöde Schlampen«, murmelte er verärgert. »Na ja, waren sowieso hässlich.«


Der Abend wurde leider auch wesentlich nach Mitternacht nicht besser. Also, für andere schon. Zum Beispiel für den Typen, der schlau genug gewesen war, auf mehreren Dächern verlassener Fabrikhallen Fallen für die Flughunde aufzustellen. Leider war der Typ aber auch schlau genug gewesen, eine magische Alarmanlage auf die Käfige anzuwenden. Noch eine halbe Stunde, nachdem der massige Typ mit dem Schwuchtelzauberstab ihn von dem Dach gejagt hatte, pfiffen seine Ohren wie Linienrichter.

Oder die alte Oma, die sich das Fangen der Flughunde offensichtlich zum Beruf gemacht hatte und vom Erlös der Viecher lebte. Ihr Stand gab wirklich alles her, was das Zaubererherz höher schließen ließ: getrochnete Flügel, duftendes Gulasch, Krallen und Pfoten. Leider hatte die halbblinde, zahnlose Alte aber auch Preise, die einem die Tränen in die Augen trieben und einen wachsamen Feuerdämon in Pekinesen-Größe, den sie natürlich auf Ash gejagt hatte.

Bei Sonnenaufgang, als das Vampirviertel schon lange ruhig geworden war und nur wenige vereinzelte Anhänger der zaubernden Zunft noch auf dem Heimweg waren, saß Ash auf dem Dach eines stillgelegten Schlachthauses und dachte nach.

Warum hatten eigentlich alle Leute Glück, nur er nicht? Es schien doch im wahrsten Sinne des Wortes KEIN Hexenwerk zu sein, so ein fliegendes Mistvieh in die Finger zu bekommen, also warum war er bisher immer leer ausgegangen? Und wie immer, wenn er sich gerade selbst bemitleidete kam ihm wieder und wieder der gleiche Gedanke, wie ein Splitter im Kopf, den man einfach nicht herausziehen konnte.

Es war sein Fluch. Der Fluch, mit dem seine Mama – Angharad koche ihre Seele in Batteriesäure – ihn belegt hatte, als er dreizehn Jahre alt war und der ihn seitdem zeichnete? Mann, Grey hatte vielleicht blöd geguckt, als er bei ihrem ersten Techtelmechtel seine saftigen Hinterbacken gegriffen und dort eine Narbe ertastet hatte. Er hatte sich noch tagelang köstlich amüsiert, dass sie die Form eines Blitzes hatte. Und egal, womit Ash gedroht hatte, er hatte auch nicht aufgehört, sich darüber lustig zu machen. Und wahrscheinlich würde er die Opfer dieses Fluches auch bei jeder Gelegenheit auslachen, wenn er nicht dazugehört hätte.

Kurz bevor sein Leben und sein Hintern derart verändert worden waren hatte er seiner Mutter noch offen ins Gesicht gelacht. Das hatte sich dann sehr schnell geändert, als er entdeckt hatte, dass einen der Blitz wirklich, wahrhaftig und äußerst schmerzhaft beim Scheißen treffen konnte!!


Gerade, als er sich seinem Schicksal ergeben wollte und sich darauf gefasst machte, dass ihn abservieren würde, hörte Ash ein vorsichtiges Schnüffeln neben seinem rechten Fuß. Er erstarrte, senkte den Kopf dann in Zeitlupe auf seinen Schuh und blinzelte. Einmal. Zweimal. Dann rieb er sich mit der linken Hand über die Augen und sah wieder hin. Aber das Bild blieb das gleiche: Ein kleiner, mausgrauer Hundewelpe mit raspelkurzem Fell tapste um sein Bein herum und beschnüffelte die zahllosen Dinge, in die Ash heute schon hineingetreten war. Im Takt mit dem aufgeregten Schwanz wippten winzige, hautbespannte Flügel auf seinem Rücken.

»Oh Mann«, flüsterte Ash.

Der Welpe hob den Kopf und sah ihn mit großen, grünen Äuglein an und leckte sich dann über die Schnauze, als wolle er sagen: »Hast du was zu Essen mitgebracht, Mann?«

»Pass auf, sonst kommst du in die Suppe«, knurrte Ash und schüttelte seinen Fuß ein wenig, damit die halbe Portion endlich verschwand. Er war zwar verzweifelt, aber nicht verzweifelt genug, um des schnöden Geldes wegen ein Hundebaby zu opfern.

Der Kleine stellte zwar die Ohren auf und schien ihn auch gehört zu haben, setzte sich aber nur trotzig auf seine vier Buchstaben.

»Angharad, führe mich nicht in Versuchung«, dachte er. Der Hund blieb hartnäckig.

Schließlich wurde es Ash zu dumm.

»Was willst du?!«, rief er und sprang auf. »Willst du mich auslachen? Willst du mich scheitern sehen, so wie ich jeden Tag an irgendetwas scheitere? Willst du, dass ich mich vom Rand stürze, damit du wieder deine Ruhe hast und an meinen Knochen jagen kannst, ja?!«

Der Welpe stand zitternd auf, als habe er jedes Wort genau verstanden und blinzelte fassungslos. Dann holte er tief Luft und jaulte los. Die Mischung aus Bellen und Weinen war laut genug, um Ash gehörig zusammenzucken zu lassen und seinerseits dann erst einmal ziemlich schockiert zu gucken.

»Pssst!«, machte er.

»Du wirst irgendjemanden auf dich aufmerksam machen, Mann!«

Das Jaulen verstummte, nur um eine Sekunde heftiger wieder einzusetzen.

»Hey! Sei still!!«

Ash ging in die Knie und streckte die Arme nach dem Tier aus, um diese kleine Sirene irgendwie abzustellen. Mehr brauchte der gerissene graue Fellträger nicht. Er tänzelte – jaulend wie ein Martinshorn – einige Schritte zurück, verstummte dann und sprang Ash mit Anlauf direkt in die Arme. Er konnte gar nicht anders, seine Arme schlossen sich um das Bisschen Hund. Und endlich – endlich! - war wieder Ruhe auf dem Dach eingekehrt.

Ash stand auf und zog den Kleinen gerade genug von seinem Hals weg, um in die grünen Augen zu schauen.

»Also gut, wir machen einen Deal«, sagte er ernst. »Ich nehme dich mit zu Grey, um ihn zu besänftigen. Keine Angst, der zieht dir nicht das Fell über die Ohren. Das hält sein Magen gar nicht aus. Aber morgen Nacht zeigst du mir, wo dein Verhasster Großcousin dritten Grades wohnt, damit ich den abmurksen kann, alles klar?«

Ein Schnaufen und ein Kopfnicken waren die Antwort. Also setzte sich Ash in Bewegung, steuerte auf schnellstem Wege das Loft seines Lovers an und betete, dass Grey wirklich nur im Bett auf Schmerzen aus war... denn er würde seinem engelsgesichtigen Schatzi das Gebiss neu ausrichten, wenn der eine Hand an sein neues Haustier legte.


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