Multi-Tasking in Slow Motion

Ich liebe TED-Talks, das wusstet ihr wahrscheinlich schon. Über die neueste Ausgabe der Federwelt bin ich mal wieder auf einen gestoßen, der mir aus der Seele spricht. Sein ebenso simpler wie radikaler Kernsatz:

Schau über den Tellerrand. Beschäftige dich gleichzeitig mit Botanik, Kunst und Geschichte, wenn du dafür brennst. Hab 1000 Projekte gleichzeitig. Aber: Verfolg sie alle in Slow Motion, über dein ganzes Leben hinweg.

Heute sind wir durch die Schnelligkeit unserer Welt oft geneigt, Dinge SOFORT UND OHNE VERZÖGERUNG zu wollen. Das gilt für Amazon-Pakete ebenso wie für Dinge, die wir (er-)schaffen wollen. Ihr seht, ich nehme mich da keinesfalls aus.

Im Video erklärt der Autor Tim Harford, wie Einstein, Darwin und Co. es schaffen konnten, in x Feldern von Physik über Psychologie zu bahnbrechenden Theorien und Beiträgen zu kommen und warum Ärzte besser diagnostizieren, nachdem sie einen Workshop im Institut für Kunstgeschichte machen mussten. Aber auch auf kleiner Skala ist seine Botschaft wichtig, die Idee oder die Tätigkeit muss nicht gleich die Welt verändern.



Nun ist nicht jeder an 1000 Sachen interessiert. Und ganz ehrlich? Ich beneide das oft. Wenn ihr EIN Ding habt, euer absolutes Lieblingsding, dann cheers to you, lasst es euch bitte von niemandem nehmen. Aber: Gerade den Hochsensitiven, den Vieleinteressierten, den Sensation Seekern, wird viel zu oft gesagt: "Kannst du dich nicht mal auf dein Projekt konzentrieren? Du machst schon wieder was anderes. Dir geht Zeit fürs Schreiben verloren, wenn du Bilder gießt und Weihnachtskarten bastelst. Ich dachte, du liebst Schreiben?"


Ähm ... ja verdammt, ich liebe Schreiben! Aber nicht nur! Ich liebe Schreiben nur am Meisten. Ich liebe aber auch Acrylgießen (derzeit), Basteln (schon länger) und Tanzen und Singen (schon immer). Ich möchte, bevor ich von unserer verrückten blauen Murmel abtreten muss, noch Gesangsstunden nehmen und die besten Fusion-Tänzerinnen der Welt live sehen. Ich will neben J.K. Rowling auf dem gleichen Panel sitzen und mindestens ein paar Workshops für andere Autoren anbieten. Das sind nur Wünsche, in keines dieser Themen werde ich mich verbeißen. Sich in etwas zu verbeißen bringt nämlich nichts außer Frust. Go with the flow, das ist mein Motto.


Ich weiß, ich bin da ziemlich anstrengend. Das neueste Buch soll erscheinen, damit man es inhalieren kann. Ich verstehe das, ich habe auch fiese Warteperioden auf den neuesten J.R. Ward Schinken hinter mir. Aber ich kann mir (und euch) da nicht helfen. Wo kein Flow ist, gehe ich nicht hin, denn es nützt ja nichts!


Außerdem: Wenn man sich zu lange an etwas festbeißt, dann läuft man irgendwann vor eine Wand. Der kreative Tank ist leer, es ist (scheinbar) alles gesagt und gedacht zu der Sache. Das ist ein Naturgesetz. Manche Leute flippen regelrecht aus, wenn sie an diesen Punkt kommen. Aber Alter .... dein Tank ist einfach nur leer. Tank doch nach!!

Und damit meine ich nicht nur: Geh spazieren, hör einen inspirierenden Podcast, koch was Nettes. Nein, das sind Feld-, Wald- und Wiesentipps, für die ist die Brigitte zuständig, schönen Dank. Ich meine: Mach etwas völlig, komplett und ganz und gar anderes. Etwas gegensätzliches. Etwas scheinbar sinnloses, völlig abwegiges, neues. Ja, auch wenn die Deadline naht! Weil du Spaß daran hast. Weil es dich gerade juckt. Und dann landest du nach erstaunlich kurzer Zeit wieder bei deinem Ding, weil die Ideen fließen. Das Gehirn ist ein Netz, keine Kugelbahn. Es hat über 30.000 Jahre gelernt, von A nach C zu kommen, indem es über Z geht statt über B. Das kann es wirklich super! Also vergiss die Regeln. Und ganz nebenbei geschieht dann etwas anderes, sehr erstrebenswertes, neben deiner üblichen Arbeit.


Dieses Etwas nennt sich Leben.