Matrons - Szene 3

Aktualisiert: 10. Mai 2019



»Hey, Mädels«, winkte Ben in die Runde.

»Hi, Ben!«, grinste Sam, deren Rock wie üblich unwesentlich breiter als ein Gürtel war. »Schön, dass du dich raus getraut hast!«

Ben schnaubte, entgegnete aber nichts. Sam war manchmal etwas nervig, sie war aber auch der Garant dafür, dass Ben heute Nacht nicht allein nach Hause gehen würde.

Da auch Sam offensichtlich wieder aus ihrem Fettnäpfchen heraus wollte, bemühte sie sich noch einmal freundlicher. »Bereit, einer hübschen Frau ins Netz zu gehen?«

Er nickte eifrig. »Ich hoffe doch.«

Sie stellten sich an, aber da für Hamburg heute einer der letzten milden Abende im Jahr angesagt worden war, war die Schlange vor der Disko entsprechend kurz. Der Rest der Welt saß heute wohl lieber auf Restaurant-Terrassen oder auf dem Balkon.

Der Türsteher nahm sich Zeit. Ließ sich von jeder anstehenden Gruppe die Ausweise zeigen und ein Papier geben, das er sorgsam abgleichte.


Ben zog seine Brieftasche hervor.

»Hast du den Zettel?«, hauchte Claudi in seinen Nacken.

Er zog ein gefaltetes Blatt Kopierpapier mit seinem Ausweis aus dem Geldbeutel. »Den Fehler habe ich nur ein Mal gemacht, glaub mir.«

Auch Miriam und die anderen zogen ihre Geldbörsen hervor, denn vor ihnen stand nur noch ein Pärchen.

»Bruder und Schwester ist keine zulässige Kombination mehr«, schnauzte der Türsteher plötzlich.

»Aber ...«, stammelte der blond gelockte, junge Mann vor Ben. »Vor drei Monaten sind Anna und ich doch problemlos reingekommen!«

Die Schwester des Blonden, die exakt die gleiche, krause Lockenpracht zierte, knurrte entnervt.

»Ihr jungen Leute hört echt keine Nachrichten mehr, oder? Junge, vor acht Wochen wurde die Schwester-Regelung abgeschafft. Ist zu oft schief gegangen.«

»Können Sie denn nicht eine kleine Ausnahme für uns machen?«, fragte der Bursche.

»Komm aus der Schlange raus und ruf jemanden an, der dich abholen kann, und zwar jetzt«, grollte der Türsteher. Dann wandte er sich zur Schwester und wechselte den Tonfall. »Möchten Sie trotzdem rein, junge Dame?«

Die junge Frau sah ihren Bruder verärgert an. »Nein, ist okay«, murrte sie schließlich, »ich warte mit ihm auf unsere Mama.«

»Habt ihr’s dann?«, fragte Sam wenig freundlich.

»Ja, sicher«, zischte der junge Mann und die beiden Geschwister trollten sich.


Irgendwie taten die beiden Beiden Ben leid. Auf der anderen Seite konnte es ja wohl nicht so schwer sein, sich an die paar neuen Regeln einfach zu halten ... oder?

»Ausweise und Gruppen-Beleg?«, fuhr der Türsteher fort.

Ben reichte den Zettel und seinen Ausweis, Miriam und die anderen gaben ihre Ausweise dazu.

Der Mann glich die Fotos auf den echten Ausweisen mit dem Zettel ab, auf dem alle fünf Dokumente zusammenkopiert waren. »Okay, willkommen im Luna«, verkündete er endlich und öffnete ihnen das Absperrband.


********************

Im Vorraum der Disco befanden sich zwei lange Tische, hinter denen junge Frauen standen. Hinter dem unauffälligeren an der Seitenwand hingen die Jacken. Auf dem anderen Tisch lagen verschiedenfarbige Bändchen mit integriertem Zahlchip. Durch die geschlossene Tür zur Tanzfläche hörte man schon die Charts plärren, also hob Claudi entgegen ihres Naturells ihre Stimme. »Ihr Lieben, ich bringe schon mal die Jacken weg.« Sie nahmen jeder einige Scheine und ihren Ausweis aus den Jackentaschen und Claudi trottete in Richtung Garderobe.


»Ein grünes Armband, bitte«, rief Sam der Servicekraft zu und gab ihr das Geld. Die Frau buchte den Betrag ein und keine dreißig Sekunden später zierte Sam eine hässliche, aber nützliche Uhr ohne Zifferblatt.

Auch Miriam orderte, allerdings ein rotes Band – Club-Code für »Nicht ansprechen!«

»Ach Mädels, wollt ihr mich etwa allein auf die Pirsch gehen lassen?!«, seufzte Sam laut. Sie pflückte Claudi regelrecht von ihrem Weg und sah sie eindringlich an. »Aber du lässt mich nicht im Stich, oder?«

»Na gut, dann nehme ich ein weißes Band, okay?«, seufzte sie.

»Uff, Langweilerin«, knurrte Sam enttäuscht und schob ihre Freundin zu den weißen Bändern. »Einmal unentschlossen für diese Dame, bitte!«


Ben trat ebenfalls an den Tisch und wartete brav, bis er angesprochen wurde.

»Was darf’s sein, der Herr? Sind Sie auf der Pirsch oder ... Ach, nee, moment. Seit heute soll ich das nicht mehr sagen.«

»Sondern?«, fragte Ben.

Die junge Frau lächelte eisern weiter. »Möchten Sie in ein romantisches Abenteuer aufbrechen oder lieber ungestört bleiben?«, flötete sie.

Ben kicherte. »Gute Frau, ich habe zwar Sprachwissenschaften und Grafikdesign studiert, aber der Unterschied zwischen den beiden Sätzen ist mir doch nicht ganz klar.«

Das Lächeln der jungen Frau sank. »Pirsch impliziert, dass Sie in diesem Szenario entweder der Jäger oder das Raubtier sind. Und wir sind angehalten worden, die alten Sprachbilder nicht mehr zu unterstützen. Also? Möchten Sie von einer Piratenbraut im Sturm erobert oder in Ruhe gelassen werden?«

Ben ließ die Schultern fallen. »Haben Sie nicht gerade gesagt, Sie versuchen, Sprachbilder nicht mehr -«

»Jetzt nimm eine verdammte Farbe, Ben!«, lachte Miriam hinter ihm.

Ben entschloss sich, den kollektiven Schluckauf wegen des neuen Gesetzes nicht davon abhalten zu lassen, heute etwas Spaß zu haben. »Fein, das Abenteuer bitte«, sagte er entschlossen und reichte ihr sein Geld.

Sie lud sein knallblaues Armband auf und reichte es ihm mit einem erneuten, professionellen Lächeln. »Viel Vergnügen heute Abend.«

Ben schaffte es gerade noch, ihr einen Dank entgegen zu krächzen, bevor er von Miriam durch die Türe in den Lärm gezogen wurde.


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