Matrons - Finale

An der Bar herrschte ein ziemliches Gedränge und es vergingen etliche Minuten, bis Miriam sich nach vorne gekämpft hatte und bestellen konnte.

Ben versuchte gar nicht erst, ihr bis ganz vorne zu folgen. Sich durch eine Menge Frauen kämpfen, von denen einige vielleicht schon angetrunken waren oder ihre Tage hatten und die allesamt durstig waren? Er war ja nicht lebensmüde!

Er nutzte die Zeit lieber, um dem Geschnatter der kleinen Menschentraube zu lauschen. Zudem hatte sich eines nicht per Gesetz ändern lassen: Mit seinen 1,95 Meter hatte er einen fantastischen Überblick über die Damen, die trotz allem Drängen und Schieben recht gesittet auf ihre Drinks warteten. Das Gerede war das Übliche: Wer, was, wann, wo wie und vor allem mit wem. Kein Vergleich zu Bens Vater und Bruder, die selbst zu Weihnachten nur mit drei Worten per SMS einluden.



Eine besonders schmale Frau mit verfilzten Haaren fiel Ben ins Auge. Sie schob sich forsch durch die wartende Menge in Richtung Barkeeper – und Mel.

Die hatte ihr Bändchen bereits zum Zahlen vom Handgelenk gestreift, holte aber dennoch ihren ziegelsteingroßen Geldbeutel hervor. Wahrscheinlich für das Trinkgeld, das die dummen Bändchen nicht abrechnen konnten. Schöne neue Technik-Welt!

Gerade schlich sich ein fieser Gedanke über Programmierer*Innen in sein Gehirn, da brach der Tumult los. Miriam schrie auf und fiel zur Seite, gemeinsam mit den Frauen direkt um sie herum. Das dürre Mädel boxte sich, Miris Geldbeutel wie einen Football im Arm, durch den Pulk und rannte in Richtung Ausgang.

»Miststück!«, fluchte Ben und rannte hinterher. Die Diebin war zwar schon fast bei der Treppe zum Ausgang, aber Ben holte sie doch ein und packte sie am Arm. »Hier geblieben! Geldbeutel her!«, befahl er ihr.

Die Diebin drehte sich schwungvoll zurück zu ihm, ließ den Geldbeutel fallen, stellte die Krallen auf und riss sie ihm quer übers Gesicht.

Ben legte schützend beide Hände vors Gesicht und taumelte nach hinten.

Blitzschnell hatte die Furie ihre Beute aufgehoben und rannte die Treppe hinauf.


Miriam kam heran. »Oh Gott, Ben! Bist du okay?«, krächzt sie.

Er nahm langsam die Hände vom Gesicht und blinzelte sie an. Seine Haut brannte wie Feuer.

»Oh Mann«, hauchte seine Freundin entsetzt.

»Sie ist entkommen, oder?«, fragte er.

»Ich weiß nicht. Komm, wir gehen nach oben zur Security. Wir müssen sagen, was passiert ist, und bestimmt haben die auch was für deine Kratzer.«

»Tut mir leid, dass sie entkommen ist«, murmelte er niedergeschlagen.

Sie umarmte ihn. »Vergiss den Geldbeutel. Aber danke, dass du es versucht hast.«

Sam und die anderen kamen angelaufen, wurden mit knappen Worten aufgeklärt und gemeinsam gingen sie die Treppe zum Foyer hinauf. Dort grüßten sie mehrere vertraute Gesichter: Der Türsteher von vorhin, zwei Polizistinnen ... und die Diebin, beide Hände fein säuberlich in Handschellen.

»Sind Sie die Geschädigten?«, blaffte die schwarzhaarige Polizistin, noch bevor Ben hatte grüßen können.

»Ja«, nickte Miriam sofort. »Mein Name ist Miriam Stattner, mein Geldbeutel wurde gestohlen. Mein bester Freund Ben hat versucht, das zu verhindern.«

Der Türsteher verdrehte die Augen, hielt aber die Klappe.

Die andere Polizistin, die einen feuerroten Pferdeschwanz zu Knarre und Schutzweste trug, lächelte schief. »Ach deshalb sehen Sie jetzt so aus.«

Ben blickte von der einen Polizistin zur anderen, dann in Miriams Gesicht und schließlich zu der Diebin, die noch keinen Pieps gesagt hatte, aber Rotz und Wasser heulte. »Was ist denn mit der los?«, fragte er vollends verwirrt.

»Die hat einen Namen«, zischte die Schwarzhaarige. »Den werden wir jetzt ganz in Ruhe ermitteln.« Sie zeigte auf ihn, Miriam und die anderen Freundinnen, die sich hinter ihnen herumdrückten. »Sie kommen mit, und Sie auch, Frau Stattner. Wir gehen jetzt erst einmal zum Streifenwagen, damit wir den Sachverhalt klären können. Wenn das da hinter Ihnen der Rest ihrer Matronengruppe ist, müssen die Damen auch mit.«


Draußen am Streifenwagen war bedauerlicherweise sehr schnell abgehandelt, was Sam und Claudi gesehen hatten – absolut rein gar nichts. Sie waren ja nicht mit zur Bar gekommen.

Auch Miriam konnte, so sehr sie auch wollte, nicht viel Nützliches beisteuern. »Ich wurde nach hinten geschubst und mir wurde der Geldbeutel aus der Hand gerissen, das ist alles, was ich mit Sicherheit sagen kann«, sagte sie schulterzuckend.

»Können Sie denn sagen, ob es die junge Frau mit den verfilzten Haaren war?«, fragte die entnervte Polizistin.

»Ja, ich denke schon. Außer mir haben sie ja noch mehr Frauen an der Bar gesehen.«

»Das wird uns helfen, das ist schon richtig.« Die Polizistin griff in eine der 170.000 Taschen, die an ihrer Uniform angenäht waren. »Und weil sie insgesamt sehr kooperativ waren, ist hier Ihr Geldbeutel zurück, ich habe nämlich heute keine große Lust auf den Papierkram in der Beweiskammer. Bitte prüfen Sie sofort, ob etwas fehlt.«

»Danke, das mache ich sofort«, nickte Miriam und öffnete ihren ledernen Ziegelstein.

»So, und nun zu Ihnen!«, rief die Polizistin lauter als nötig. »Es ist offensichtlich, dass Sie versucht haben, die junge Frau aufzuhalten.«

»Selbstverständlich«, entgegnete Ben, »sie hat versucht, meine beste Freundin zu beklauen.«

»Muss ich Ihnen erklären, dass es die Aufgabe der Club-Security und der Polizei ist, Diebstähle zu verhindern?«, knurrte sie. »Wir haben 2024, wir brauchen keine Helden mehr.«

Miriam hob den Blick aus ihrem Geldbeutel. »Er hat doch nur versucht, zu helfen. Und sie hat ihn ganz schön zugerichtet. Hat die Tussi Fingernägel aus Stahl oder so?«

»Ich habe sie einfach nur am Arm gepackt«, verteidigte sich Ben. »Nicht mehr und nicht weniger.«


Die rothaarige Polizistin, die sich mit der Diebin in den hinteren Teil des Polizeivans gesetzt hatte, öffnete die Autotür. »Wolff, sehen Sie sich das mal bitte an?«

Die schwarzhaarige Polizistin joggte die vier Meter zu ihrer Kollegin hinüber.

»Die Frau heißt Wolff? Das ist ja unfassbar passend«, murmelte Ben in Miriams Ohr.

»Pscht, bist du verrückt?«, flüsterte die. »Sie hat dich sowieso schon auf dem Kieker, mach’s nicht noch schlimmer!«

Beide Polizistinnen kamen zurück, die mittlerweile ungefesselte Diebin beinahe schützend zwischen ihnen. »Ich würde mal sagen, Sie haben ein mächtiges Problem, Ben!« Die Rothaarige hob behutsam die Arme der klapperdürren Frau und rollte ihre versifften Ärmel nach oben. Über beide Unterarme zogen sich blaue Flecken und Striemen in den schlimmsten Farben, über blau und grün hin zu lila und gelb.

Ben und Miriam klappte die Kinnlade herunter. »Aber ... diese Flecken sind alt, das sieht man doch«, erklärte Miriam sofort. »Mein Freund hätte sie in der halben Sekunde niemals so prügeln können!«

»Das wird wohl ein Arzt entscheiden müssen«, grinste die Schwarzhaarige.

»Erstatten Sie Anzeige wegen Körperverletzung?«, fragte die Rothaarige.

»Ja«, schniefte die Diebin. Ihre eine Pupille war deutlich größer als ihre andere.

Ben kam nicht umhin, an harte Drogen zu denken. Und an das Geld, das dieses Dreckstück sich an Schmerzensgeld von ihm einklagen würde. »Ich bleibe dabei. Ich war das nicht. Im Übrigen sind wir eigentlich hier, weil diese junge Frau meine beste Freundin bestohlen hat.«

»Warum wir hier sind und warum nicht, entscheide ich, denn ich leite diesen Einsatz«, keifte Wolff.

»Was ist mit uns?«, fragte Miriam. »Wir sind Bens Matronengruppe und wir bürgen für ihn. Wir haben uns an alle Gesetze gehalten, auch an die ganz neuen von heute! Das muss doch auch etwas wert sein?«

»Wie Sie vorhin zu Protokoll gaben, haben Sie nichts gesehen außer dieser jungen Frau, die sie wahrscheinlich bestohlen hat«, erklärte die Rothaarige. »Nach dem verschärften Gesetz, das ab heute gilt, sind körperliche Angriffe gegen Frauen unbedingt und unter allen Umständen losgelöst zu untersuchen. Die Rahmenbedingungen sind völlig egal. Darüber hinaus brauchen wir für jede Aussage, die er tätigt, zwei Aussagen von Matronen oder vier Aussagen von unbeteiligten Frauen, die seine Version stützen. Erweiterte Haftung, Sie erinnern sich?«

Ben war müde, wütend und unglaublich enttäuscht und ihm reichte es endgültig. »Das macht doch überhaupt keinen Sinn, ich habe immer noch Rechte!«, rief er.

Wolff grinste wieder. »Ja, das ist richtig. Von einem davon dürfen Sie jetzt ausgiebig Gebrauch machen: Von dem Recht, zu schweigen!«


Die Polizistinnen führten die Diebin und Miriam zurück zum Fahrzeug und ließen Ben stehen. Reihum nahmen sie die kompletten Personalien aller Beteiligten auf.

Als Sam aus dem Polizeiwagen stieg und ihren Heimweg antrat, umarmte sie ihn. »Es tut mir so leid, Ben. Ich verstehe es nicht. Es ist, als wären wir nicht mehr im gleichen Land, in dem wir heute Morgen aufgewacht sind. Halt mich auf dem Laufenden, okay? Ich kenne ein paar gute Anwälte. Das klären wir morgen, ja? Verdammte Scheiße.«

Als auch Claudi sich verabschiedet hatte und Miriam und er ihre Personalien abgegeben hatten, wollte Ben auf der ganzen Welt nur noch eine einzige Sache – sein Bett.

»Ich will einfach nur noch nach Hause«, murmelte er resigniert und wandte sich zur Straße, um ein Taxi anzuhalten.

Die Polizistin ließ ihn einige Schritte gehen, dann rief sie ihm genervt hinterher. »Sie wollen alleine Heim? Haben Sie eigentlich gar nichts von dem gerafft, was ich gerade gesagt habe?«

Ben ballte die Hände zu Fäusten, aber er wusste, dass er die Klappe halten musste, wenn er nicht noch mehr Anzeigen angehängt haben wollte. Er blickte in Miriams Gesicht.

Seine beste Freundin hatte sich zwar sonst immer im Griff, aber er sah doch ihren müden, entnervten Blick. Als müsse sie am Ende dieses ewig langen, beschissenen Abends lästigerweise noch ein Kind nach Hause zu seinen Eltern fahren. Ihr Gesichtsausdruck verschwand sofort wieder, aber trotzdem brannte er sich tief in Bens Kopf.


Noch mehrere Monate nach diesem Erlebnis saß er abends nach Feierabend allein Zuhause und dachte über den genauen Moment nach, ab dem alles schief gelaufen war für Männer wie ihn. Und er las endlich den kompletten Text des Matronen-Gesetzes. Mehrmals. Er hatte ja jetzt Zeit dafür.

Sehr viel Zeit.