Der Weg des Künstlers

Vor einiger Zeit kam meine Freundin Anne mit einem Buchtipp um die Ecke. So weit, so normal, wir tauschen eigentlich ständig Bücher und Buchtipps. Von diesem Buch aber muss ich euch erzählen, denn es verändert seit 25 Jahren die Welt!



"Der Weg des Künstlers" (engl. Original: "The Artist's Way) von Julia Cameron ist ein Sachbuch, ein Kurs genaugenommen. In 12 Wochen - so der Claim - könne man kreative Blockaden aufdecken und in den Griff bekommen. Da ich eine ausgesprochen große Schwäche für Sachbücher habe und zudem gerade versuche, einen Fuß in die Tür der Schreiberkunst zu bekommen, musste dieses Buch natürlich her!


Aller Anfang ist leicht

Ich hatte mir den 1. März als Stichtag gesetzt, um mit den Aufgaben in dem Buch zu beginnen. Ja, es gibt Aufgaben. Jede Woche eine ganze Liste davon. Zwischendurch gibt es zum Thema der Woche (z.B. Selbstvertrauen, Glaubenssätze, finanzielle Fülle, ...) sogar noch viele zusätzliche Dinge zu tun. Manche Dinge erscheinen leicht oder sind für einen sogar auch leicht. So habe ich zum Beispiel nie ein Problem damit, an meinen Kleiderschrank zu gehen und ein Teil herauszunehmen, dass mir "nicht mehr dient". Ja, Marie Kondo lässt grüßen, die hat die Welt ja auch nicht erfunden. ;) Andere Dinge fallen mir schwerer. "Plane einen Tagestrip NUR FÜR DICH ALLEIN". Hm, tja, tolle Aufgabe mit Kind und einer To-Do-Liste länger als eine Klopapierrolle. Das Ziel dieser Übungen ist natürlich, sich selbst bzw. den eigenen inneren Künstler mal von der Leine zu lassen. Denn wie Elizabeth Gilbert in ihrem Buch "Big Magic" so fantastisch sagt: "Deine Kreativität ist wie ein Hund. Wenn du ihn nicht fütterst und nicht mit ihm spazieren gehst, wird er die Couch zerlegen!" Wer kreativ ist, kann dieses Gefühl sicher selbst bestätigen und ich gebe offen zu, dass mein inneres kreatives Monster Menschen in der Luft zerfetzt, die es von der Arbeit abhalten.


Die beiden Säulen des Kurses

Vielleicht das Interessanteste an "The Artist's Way" sind aber die beiden Routinen, die man über die gesamten 12 Kurswochen, besser aber den Rest seines Lebens durchzieht: Die Morning Pages und das sog. "Artist's Date".

Über die Morning Pages wurde an vielen Stellen im Netz schon viel geschrieben und gesagt (für den schnellen Einstieg empfehle ich Youtube). Das Prinzip ist so simpel wie genial: Schreib jeden Morgen direkt nach dem Aufwachen drei Seiten eines Notizbuchs voll - EGAL mit was. Die Autorin (mit schlappen 25 Jahren Erfahrung mit Kursteilnehmern) sagt, man sei morgens noch verbunden mit den Gedanken und Träumen aus der Nacht und außerdem hatte der Alltag noch keine Chance, die logische Hirnhälfte auf Touren zu bringen. Ist die erstmal angeworfen ("Ich muss Butter kaufen", "Anna hat heute Abend Ballett") kann man sich die MP (Morning Pages) meiner Meinung nach fast schon sparen. Wenn man aber diesen wertvollen Moment am Morgen abpassen kann, dann kommen erstaunliche Sachen zu Papier. Auch Müll, aber wertvoller Müll. Es kommt auch seitenweise ("Ich habe keine Lust, heute X beim Umzug zu helfen!" "Diese Zicke Y kam gestern schon wieder in meinem Büro vorbei!"). Karla McLaren, eine andere tolle Sachbuch-Autorin, nennt das "conscious complaining" - die Kunst, sich BEWUSST auszukotzen. Wo ist nun der Trick an so einer Morgenroutine? Ganz einfach: Wer sich morgens in seinem Notizbuch auskotzt, hat tagsüber den Kopf frei für andere Gedanken - auch und gerade für die kreativen! Die Morning Pages können noch viiiiiiiel mehr, aber das ist der erste Grundstein. Ich kann sie nur jedem empfehlen! (und das Buch natürlich auch, dass es gerade in der Jubiläumsedition gibt ;) )


Das Artist's Date schlägt in eine ähnliche Kerbe wie die MP, hat aber ein ganz anderes Ziel. Es ist ZEIT für einen selbst. In diesen zwei Stunden die Woche soll man NICHT arbeiten, wenn man Drehbuchschreiber, Autorin, Kunsthandwerker usw. ist, denn kreativer Output der bezahlten Art ist NICHT das Ziel dieser zwei Stunden/Woche. Vielmehr geht man spielen, wie Julia Cameron sagt. Denn seien wir mal ehrlich: Künstlerseelen müssen spielen gehen. Sie müssen ab und zu etwas Neues erleben dürfen. Man kann/darf/soll alleine wandern gehen, wenn einen das glücklich macht. Oder Radfahren, Schwimmen, Tanzen. Ganz besonders tanzen. <3 Man soll sich Zeit in der Keramikwerkstatt buchen oder ein Pappmache basteln oder was auch immer, Hauptsache der innere Künstler möchte es unbedingt tun. Wir füttern hier den Hund. Und zwar mit GUTEM Zeug. Youtube oder ein Kinobesuch zählen nicht, denn diese Aktivitäten sind passiv. Ob man in die Sauna mit Wellnessmassage darf, habe ich noch nicht rausgefunden. ;) Mein großer Vorteil ist, dass ich Bewegung und Tanzen liebe und außerdem singen. Das kann man an jedem Ort der Welt tun und ich gehe grundsätzlich nicht ohne Musik und Ohrstöpsel aus dem Haus. Niemals. Nie. Außerdem habe ich zwei Tage/Woche Schreibzeit, von der ich Zeit für solche Dinge nehmen kann - und muss, um bei Sinnen zu bleiben.


Mein Zwischenfazit nach 5 Wochen

Was soll ich sagen? Sich den Wecker morgens 30 Min. früher zu stellen, um sich schreibenderweise mal so richtig auszukotzen, ist genau meins. Und alle paar Tage fällt einem zwischen den Zeilen etwas vor die Füße, an das man seit 20 Jahren nicht gedacht hatte. Mit jedem Satz in diesem unglaublich einfühlsamen, aufbauen Buch kann man einen Funken mehr daran glauben, dass eine Macht, die ein ganzes Universum erschafft hat, grandioserweise nett genug war, uns mit einem Milliardstel eines Milliardstels seiner Kreativität zu bedenken. Und dass diese gleiche Macht einen Heidenspaß daran hat und AKTIV DARAN MITARBEITET, dass diese Kreativität einen Kanal findet. Einen Ausgang aus dem Kopf, wie immer der auch aussieht. Der Punkt "Synchronizität" fällt immer wieder ins Auge. "Was ist dir heute vor die Füße gefallen?", fragt das Buch. "Wer hat dich heute angesprochen und überrascht?" "Hast du bemerkt, wie überschwänglich sich dein kleines kreatives Monster mit Schaffenskraft bedankt, wenn du es nur ab und zu fütterst?"

Ja, das habe ich gemerkt. Holla die Waldfee. Und ab jetzt gibt es mehr Premium-Futter für meinen kleinen Monsterhund. Weil ich schon seit Jahren weiß, dass er sonst meine Couch frisst... oder meine Familie. ;)