D911 - Kapitel 4



Wie üblich sah sich Galdra auf der Erdseite des Tores erst einmal gut um – alleine schon, um sich die Wand einzuprägen, die er in ein paar Minuten mitsamt Patient wiederfinden musste. Gut, wirklich schwierig war das nicht. Die gleiche Energie, die jeder Andersweltler ausstrahlte, suppte auch durch diese Wand und kitzelte den Spidey-sense der Nicht-Weltler. Wie bei seinen bisherigen Einsätzen galt es jetzt, das verschwundene Monster aufzuspüren, also schloss Galdra die Augen, atmete den Duft von Trauben und Sonne ein und peilte das Rufzeichen des Vampirs an. Er stellte sich das kreisförmige Zeichen in allen Details vor. Jede Linie, jeden Pfeile und Punkt. Jeder ausgewachsene Dämon trug dieses Symbol auf der Schulter ... wenn eine Schulter vorhanden war. Schnell hatte er die Spur aufgenommen. Der Vampir musste sich einige Kilometer weiter östlich befinden, zwei oder drei Anwesen entfernt. Galdra sah sich noch einmal kurz um, aber noch immer war kein Mensch aus dem Bett gefallen. Zum Glück. Er setzte sich in Bewegung, ging mit strammen Schritten auf die erste Reihe Weinreben zu und ließ die körperliche Welt an sich vorbeiziehen, als säße er unvermittelt in einem Hochgeschwindigkeitszug. Die Landschaft zog, fast bis zur Unkenntlichkeit verzerrt, an ihm vorbei und nahm wieder scharfe Konturen an, als er stehenblieb. Dieses Weingut sah etwas älter, aber nicht weniger prunkvoll aus. Da ihm zwei Angestellte entgegenkamen, hockte er sich eilig hinter ein kniehohes Mäuerchen und senkte den Blick. »Niemals Menschen direkt ansehen!«, hatten seine Ausbilder ihm eingeschärft, und er plante, sich auch weiterhin brav an ihre Tipps zu halten. Zwar konnten die Menschen sie nicht direkt sehen, aber dennoch bemerken. Jeder Kadett, der sich angesichts dieser Tatsache zu sicher gefühlt hatte, schlief schon lange in Liliths Schoß. Als die beiden Körperbewohner vorbeigetrottet waren, fiel Galdras Blick auf ein großes, doppelflügeliges Holztor. Praktischerweise hing ein Schild direkt daneben. »Weinkeller / Verkostung« stand darauf. »Na also«, brummte er. Er ging in das Holz hinein und blieb eine Sekunde zwischen den knarzenden Fasern, um den Raum dahinter überprüfen zu können. Da hier nichts war außer einer stärker werdenden Dämonenpräsenz, trat er hervor, verschwand im nächsten Moment in den Ziegeln bei der Treppe und wagte sich tiefer in den Bauch dieser menschengemachten Falle. Ganz hinten im linken Gang, hinter mannshohen Eichenholzfässern und etwa 4.000 verstaubten Flaschen, trat er aus der Wand, richtete den Blick zur spinnwebenverhangenen Decke und schaute die dort hängende Fledermaus streng an. »Na? Über dem einen oder anderen Tröpfchen die Zeit vergessen, mein Herr?« Er öffnete die Hilfetasche. »Na los, steigen Sie ein. Dann sind wir in Nullkommanichts zu Hause.« Der Vampir flatterte in die Tasche und ließ sich mit einem derart tiefen Seufzer in die Decke fallen, als wäre es das teuerste Federbett. Kopfschüttelnd, aber stolz schloss Galdra den Reißverschluss. Jemand klatschte hinter ihm. Galdra wandte sich in Zeitlupe um. »52 Minuten und 33 Sekunden zwischen eingehendem Notruf und der Rettung des Patienten mit Einweisung im Schnellverfahren. Beeindruckend. Nicht!« Der kleine Mann, der offensichtlich auf seine Ankunft gewartet hatte, trug ebenfalls eine Hilfetasche – und ein Grinsen, das ihm an der Polizeischule an Tag eins eingeschlagen worden wäre. »Murmel, nehme ich an?«, fragte Galdra und zwang sich, die Schultern zu senken. »Correctamente!« Das halbe Hemd kam herüber und streckte ihm die Hand hin. »Ersthelfer Numero Uno und seit 18 Jahren im Dienst. Aber jetzt sollten wir mal zurück huschen zur Basis, sonst saugt und Dracula hier den gesamten Monatsvorrat Energie aus deiner Tasche, und das gibt fiesen Ärger mit der Chefin.« »Mein Name ist nicht Dracula!«, knurrte es aus Galdras Tasche. Murmel legte nach. Er kam mit dem Mund ziemlich nah an den Reißverschluss und schrie: »Nein, Ashcroft, dein Name ist Saufhirn. Und jetzt Klappe da drinnen. Das ist das 37. mal, dass wir dich aus menschlichen Alkoholtempeln holen müssen.« »Tschuldigung«, nuschelte der Vampir. Zum Glück gestaltete sich der Heimweg noch leichter als der Hinweg, und schnell standen Murmel und Galdra vor der Lehmwand der Einsatzzentrale. Murmel holte die Fledermaus aus der Hilfetasche, setzte sie aufs Linoleum und fragte: »Na? Aufgeladen?« Die Fledermaus wuchs und nahm die Form eines adrett gekleideten, weißhäutigen Greises an. »Werten Dank meine Herren. Bin Ihnen sehr zu Dank verpflichtet.« Ohne auf eine Antwort zu warten, schlich er in Richtung Eingangstür. »Bis zum nächsten Mal!«, rief Murmel dem Vampir hinterher. Ein gutes Stück leiser fügte er hinzu: »Suffkopp. Man sollte ja denken, dass einem nach mehreren hundert Jahren sogar das Trinken langweilig wird, aber nein. Übrigens: Willkommen bei Demon’s 911!« Er streckte Galdra das drahtige Händchen hin. Der Inspektor reichte ihm die rechte, die noch immer im Gummihandschuh steckte. Drei der vier Disponentinnen kamen in den Gang. Ihnen fiel einiges aus dem Gesicht, als sie den Handschlag der beiden sahen. »Seht ihr, ihr Hasenfüße?«, feixte Murmel. »Angst zu haben vor einem Inspektor in Handschuhen ist wie Angst zu haben vor einem Mantikor in seinem Käfig!« Galdra verstärkte seinen Griff deutlich. »Im Grunde wusste ich gar nicht, ob Gummi meine Waffensiegel zuverlässig verdecken würde«, grinste er. Murmel fiel das Lachen aus dem Gesicht. Dann lachte er umso lauter weiter. »Ha! Ich mag den Kerl!«

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