Bücher schreiben im Patriarchat


Ein Schelm, wer Dödel dabei denkt.

Keine Sorge, dieser Post wird kein Gezeter gegen Männer, auch wenn in der Überschrift das böse P-Wort steht.

Ich könnte mich natürlich darüber auslassen, dass Männer noch immer öfter im Feuilleton behandelt werden, tralalalala, aber ganz ehrlich: Erstens ist Zeitung tot - sorry liebes Feuilleton-Gequäse, und zweitens möchte ich euch (und mir) nicht den Tag verderben.


Was das Patriarchat ist

Aber ich möchte euch mal erzählen, welche Erkenntnis in letzter Zeit in mir gärte - und das nicht immer auf kleiner Flamme, sondern auch mal mit wütendem Feuersturm. Ich habe mir nämlich ENDLICH mal die tatsächliche Wörterbuch-Definition des Wortes "Patriarchat angesehen", und war extrem überrascht. Dort steht:


Patriarchat, das: (in der Soziologie) Gesellschaftsordnung, bei der der Mann eine bevorzugte Stellung in Staat und Familie innehat und bei der in Erbfolge und sozialer Stellung die männliche Linie ausschlaggebend ist.

Jetzt kennt ihr mich ja. Ich versuche, alles aus dem Blickwinkel des Energieflusses zu betrachten, denn alles andere macht für mich weniger Sinn. Die Definition oben sagt zwar viel aus über Status, Vererbung von Namen und Titeln und Firmenanteilen usw. usf, aber es lässt einen ganz entscheidenden, für uns schon lange nicht mehr bemerkbaren Teil der Bedeutung aus. Es werden nämlich außerdem als männlich angesehene Qualitäten respektiert und gefördert, die weiblichen ignoriert oder untergraben.

Unternehmen wir einen ganz kurzen Ausflug in das Prinzip von Yin und Yang. In Wikipedia heißt es dazu: [Ein Prinzip], in dem das weiße Yang (hell, hart, heiß, männlich, aktiv, Bewegung) und das schwarze Yin (dunkel, weich, kalt, weiblich, passiv, Ruhe) gegenüberstehend dargestellt werden.


Wenn das System also "die männliche Art" pflegt, kultiviert und fördert, dann fördert es zum Beispiel folgende Art von Aussagen:


"Erst schießen, dann fragen." "Wir müssen JETZT zuschlagen, die Zeit fürs Zaudern und Zagen ist vorbei!" "Arbeite dich in den Boden und opfere dich auf - für Ruhm, Ehre, Familie, Geld, bla." "Hauptsache, der Umsatz stimmt! Kleinkram wie Moral und Umwelt kommen später." "Sei hart und unnachgiebig, fahr anderen über den Mund, Hauptsache der Erste, nicht der Beste."

Eine ähnliche Liste an Aussagen bekommt man, wenn man darauf achtet, wie ein Patriarchat versucht, die "weibliche Art" niederzumachen und kleinzuhalten:


"Du brauchst Elternzeit? Ein Sabbatical? Einen Feierabend? Mehr Zeit für deine Kinder oder deinen kranken Vater? Was bist du bitte für eine Lusche?????" "An Schulen sollten nur WICHTIGE Fächer gelehrt werden. Wer zur Hölle braucht denn Kunst und Literaturkurse?!" "Unsere Kinder verweichlichen. Statt dem Anderen kräftig eine zu pfeffern REDEN die jetzt über ihre Gefühle und Probleme. Uff!"

Ihr seht schon, diese Liste lässt sich endlos weiterführen. Außerdem ist ohnehin die Theorie Blödsinn, dass Männer NUR Yang kennen/wollen und Frauen nur Yin. Jeder hat alles, das sollte mittlerweile bekannt sein. Und wer nach diesen Beispielen oben - wie mein werter Ehegatte - aus der Haut fährt, weil ich es wage, offen zu sagen, dass wir selbstverständlich in einem Patriarchat leben, der sollte nochmal ziemlich tief in sich gehen und nachhorchen, was da für ihn selbst im Argen liegt.


NUN ZU DEN BÜCHERN!!!

Wurde auch Zeit, gell? ;)


Wer obige Gedanken nun auf das Hobby oder - oh Schreck! - auf den Beruf des Schreibens anwendet, der versteht viel besser, warum sich gerade Künstler (ja, Maskulinum) oft so einen dummen Mumpitz anhören müssen. Kunst ist per Definition weiblich, ein Unterfangen der kreativen Gehirnhälfte und besitzt somit keinen Wert für eine auf Härte und Geld und Status getrimmte Welt. Da hört der Spaß aber noch lange nicht auf.

Im Patriarchat (unglücklich gepaart mit einem Geldsystem) ist außerdem die Order, möglichst schnell, möglichst viel, möglichst hart und schockierend zu schreiben und natürlich als Effekt möglichst viel Kohle einzufahren. Na? In welche Kategorie fallen die gefetteten Worte? Yin oder Yang? Genau.

Viele gehen in ihrem Alltag sogar so weit, Schreibtipps zu geben wie: "500 oder 1000 Wörter am Tag, sonst bist du kein Autor!", "Wer keine sechs Bücher im Jahr raushaut, der kann sich auch gleich einsargen lassen!", "Inspiration ist was für Weicheier, sie ist saumäßig unzuverlässig und ne dumme Nuss, du brauchst sie nicht, die dumme Bitch!" (Kein Spaß, soll ich euch das Youtube-Video dazu verlinken?)

Mein regelmäßiger Einwand, dass der Herr der Ringe niemals veröffentlicht worden wäre, wenn Tolkien diese Denke angewendet hätte, wird dann gerne davongewischt. Andere Zeiten, Ausnahmegenie, mememememeh und überhaupt. Selbstverständlich hat er wie ein Tier daran gearbeitet und dabei sogar sehr viel (Sprach-)Wissenschaft einfließen lassen, aber er hat sich die Zeit genommen. Und ich fürchte, dass genau dieses Vorgehen gerade ausstirbt. Das Patriarchat (ja, und der Vermieter und dein Geldbeutel) wollen nicht, dass du dir Zeit nimmst. Und schon gar nicht sollst du das Lieben, was du tust. Es soll schweißtreibend sein und hart und schnell und .... ach, ihr versteht schon. ;)


Wenn dieser Beitrag eine Pointe braucht, dann also diese: Bitte, bitte, sorgt nicht selbst dafür, dass ihr eure Kunst zum Zwang macht. Zwang ist das Gegenteil von Kreativität. Ja, macht es oft. Macht täglich etwas Kreatives. Kreativität sollte nicht blockiert werden. Aber eben auch nicht forciert. Wenn euch der Blitz mit einer neuen Idee trifft, kann man in zwei Tagen ohnehin mehr heraushauen als in sechs Monaten, in denen man sich immer selbst an den Schreibtisch geprügelt hat. Wenn ihr ein Routinemensch seid und euch das Halt, Frieden und Glück bringt, bittesehr, ich beneide euch sehr. Aber wenn es einfach nur schnell schnell das nächste Buch sein muss, der nächste Vertrag, die nächste Schema-F-Geschichte ... ist das die richtige Motivation? Seid ihr vielleicht auf Versprechungen des Patriarchats hereingefallen, das es übrigens auch zu seinen Grundsätzen macht, Versprechen nicht zu halten? Weil der "ach so garantierte Erfolg" dann nämlich doch nicht kommt? Oder nicht im versprochenen Maße?


Warum dieses Prinzip schreibende Frauen und Mütter besonders hart trifft

Zum Schluss doch noch ein Schlenker über Mann und Frau, der simple Mathematik ist. Denn während es Künstler zugegebenermaßen schwer haben unter den "echten Kerlen", so haben sie doch weiterhin einen automatisch gewährten Vorteil. Sie sind Männer. Und hier haben wir Autorinnen tatsächlich und ohne jeden Zweifel doppelt verloren. Dieser Umstand ist nicht diskutierbar (weil man mit dem Unterbewusstsein, das im Patriarchat aufgewachsen ist, nicht diskutieren kann). Wir sind Künstler (auuuuuu, so ein Spielkram. Bäh.) UND wir sind Frauen im Patriarchat! Högschtstrafe, um es mit Jogi Löw zu sagen!!


Ich möchte schließen mit einem Satz, den mir eine Kollegin im Büro vor einiger Zeit schon sagte. Wir kennen uns sehr gut und sie ist eine schonungslos ehrliche Person. Ich - die junge Mama, die gerade aus dreijähriger Elternzeit mit freiberuflicher Schreibtätigkeit wiederkam und bemerkte, was Müttern auch in Unternehmen für ein Wind entgegenweht - werde ihren scharfsinnigen Kommentar zu Autoren und Autorinnen in unserem System nie mehr vergessen. Sie sah mir direkt in die Augen und sagte:


Ist doch klar: Wenn Männer schreiben, dann schneiden sie sich Zeit aus ihrem prallvollen Terminkalender, um die Welt mit ihrer Arbeit nach vorne zu bringen. Wenn Frauen schreiben, waren sie sowieso gerade nur mit den Bälgern zuhause und hatten nichts besseres zu tun als Geschichchen daher zu säuseln.

Liebe Männer, jetzt nicht ausflippen

Ich weiß, dass ihr nicht so seid. Oder es mindestens ernsthaft versucht. Erinnert euch, mit dem Unterbewusstsein ist nicht so leicht rumzudiskutieren. Wir haben es alle so gelernt. Und ja, Frauen haben auch ein Unterbewusstsein. Eines, das immer den Millionär will. Auch dumm, wir nehmen uns alle nichts. Aber versucht mal, zu verstehen, warum uns Frauen gerade in den letzten 20-30 Jahren so extrem der Hut hochgeht. Seid einfach kein Teil von den obigen Haudrauf-Prinzipien, dann helft ihr sehr. Als Schreibender und/oder Künstler stehen die Chancen ohnehin gut, dass ihr schon lange begriffen habt, dass eine Verehrung der puren Männlichkeit irgendwie keinem nützt.


Im Gegenzug wünsche ich euch übrigens eure eigene Revolution. Es wäre Zeit. Eine, die dafür sorgt, dass eure Exfrau euch die Kinder nicht vorenthalten kann am Wochenende. Eine, die dafür sorgt, dass ihr ein Jahr bezahlte Elternzeit nehmen könnt, um eure Kinder kennenzulernen. Eine, die dafür sorgt, dass ihr mit 13 AUCH in der Küche stehen dürft, wenn Mama erklärt, wie ihr Lieblingseintopf gekocht wird. Ihr hättet es verdient, gar keine Frage. Aber wir Frauen haben auch unsere Wut verdient. Das liebe Patriarchat kann uns nämlich nicht erst Ellenbogen antrainieren und dann heulen, wenn wir sie benutzen. ;)

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